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Stephanie Graf Solothurn Stephanie Graf Solothurn

Worthogräfin

Stephanie Graf

Gedanken in Textform.


eine runde Sache

Es läuft alles rund. Auf runden Rädern rollen Autos, Velos, Käselaibe und Lastwagen. Kleingeld ist rund und wir runden sechs Franken und achtzig Rappen für den Navarra auf sieben Franken, Siebensieche sind wir, gäu.
Es läuft rund. Rund um den Globus, meinen wir. Kugelrunde im Mc Donalds und retuschierte Rundungen im Magazin.
Wir starren runde Löcher in die Luft; rundsätzlich geht es uns prima.
Es läuft so rund. Runter kommen wir erst, wenn das Runde nicht ins Eckige trifft. Aber Hauptsache, wir sind eine Runde weiter. Und wenns mal nicht so rund läuft, läuft auf SF1 die Rundschau, schau, drüben läufts weitaus weniger rund als hier. Kein Grund also, sich nicht rundum wohl zu fühlen.

(Emu nicht als Schweizer)


im Tal der Seepferdchen

Wir wandern: tagein und tagaus, talein und talaus, talab und talauf, vital durch das Calancatal, das Maderanertal, das Limmat- und das Laufenthal. Kennst du schon das Lötschental, frage ich, du schweigst. Hingegen kenne ich das Haslital, sagst du, und am schönsten ist doch das Fraktal mit seinen fundamentalen Phänomenen.
Im Seetal holen wir uns mit der digitalen Kamera den Hallwilersee näher heran, während du mir erklärst, dass ein Fraktal das Ergebnis unendlicher Iterationen darstellt, in welches man beliebig horizontal und vertikal hineinzoomen kann. Seine Gestalt indessen bleibt dabei, wie bei einem Kristall, selbstähnlich. Ja, mental bist du fitter als ich. Ich esse mein Emmentaler-Käsebrot, du monologisierst über Mandelbrot, wie wunderschön das Fraktal sei und erst noch ein Stück Humankapital. Ein Tal, das zu besingen sich lohnt. Ich hab' kein Talent, ein Tal zu besingen, sage ich, nicht einmal für das Universitätsspital reicht es. Es wäre sogar fatal, wenn ich davor sänge, die Letalitätsrate stiege darob brutal.
Schön wäre jetzt noch, wenn ich Chantal hiesse, aus Tallinn käme und du ein Taliban im Talar wärst – natürlich nur aufgrund des Wortspiels –, wir in Talern schwimmen würden statt in Seen, aber das wäre total an den Haaren herbeigezogen, fast schon ein wenig sentimental.

Besuche das Fraktal hier: Mandelbrot Gallery.


Physikalisches

Das Boot. Es schwimmt. Es schwimmt obenauf. Es schwimmt auf dem Wasser und schaukelt hin und her. Es geht nicht unter. Denn seine Dichte ist geringer als die des Wassers. Es ist sozusagen hohler. Ein hohles Boot. Sagen wir es einfach so: Die Hohlen schwimmen. Die Dichten gehn unter. Die Dichten dichten. Oder so.

(Franz Hohler ist nicht hohler, das ist nur sein Name. Er ist Dichter.)


Montag

Es ist Montag. Ich sehe den Mond und liege im Mohn. Sorglos bin ich auf der Wiese, alles um mich ist grün und leicht und das Rot vom Mohn im lichten Grün: im Mondlicht noch viel schöner.
Ich falle hinein in die Wiese, die Träume, kennst du sie... meine Träume, meine Wiese; kennst du ihn, den Mohn am nahen Wasser, was er mir bedeutet. Deutest du meine Träume, fällst du in sie hinein wie auf mich, auf meine Mohnblumen, am Montag bei Mondlicht; Monetäres interessiert uns nicht, nur wahre Werte, wahre Erde, wir erden uns und träumen. Der Boden ist warm. Arm in Arm. Es ist Mohntag.


mein Nebelungenlied

Wir stecken alle unter einer Decke. Einer dicken Nebeldecke. Werden vom Nebel eingedeckt. Er fällt uns nicht auf den Kopf, er hüllt uns vielmehr ein, nimmt uns ein, nimmt uns die Sonne, was uns mitnimmt. Wir werden schwermütig und husten, schneuzen, niesen, auf dem Niesen wäre Sonne. Auf dem Titlis sicherlich auch und vermutlich auch in Saas-Grund, Grund dafür ist die Höhenlage.
Je höher, desto sonniger, de facto besser, denkt sich auch der Chef und legt die Füsse auf den Bürotisch, er ist aus Holz -, also der Tisch meine ich. Aus Nussbaumholz, Schweizer Unikat und die Klasse erste Güte, meine Güte, sehen diese Schuhe neu aus, wahrscheinlich sind sie es auch.
Die Gedanken des Chefs wandern zwischen dem Zermatterhof und dem Baur au Lac, streifen Investitionen und die allgemeine Wirtschaftslage, die Wetterlage bleibt beständig, ständig Nebel die nächste Zeit.
Zeit ist Geld, der Chef steht auf und nimmt sich von beidem ein bisschen mehr als der Rest, den Rest der Woche fährt er für gedankliche Höhenflüge zur Kur -, kursiert auf alle Fälle das Gerücht, es brodelt und kommt um die Ecke, munkelnd stecken wir die Köpfe zusammen, stecken den Missmut locker weg und unter dieser Nebeldecke bis auf Weiteres fest.


vom Schnee

Sie spielt eine Sonate. Sie spielt die leisen Töne rauf und runter. Und ebenso die lauten. Sie lauten A, C, Fis und B, von Beethoven, vielleicht. Beten und hoffen wir, dass sie nicht aus dem Takt fällt.
...es fällt ein Meter Schnee bis Weihnachten. Hat er gesagt. Er spuckt taktlos laute Töne und sie fallen leise und in unbändigem Dreivierteltakt in die Aare... - wie Eiskristalle.
...alle müssen wir da durch. Durch diesen eisigen Dezember. Wir huschen in den Zug und hoffen auf einen Fensterplatz. Platzen fast vor Ungeduld, Weihnachten naht, wir steigen alle an dieser Haltestelle aus.
...sie hält an der Stelle, wo die Sonate dem Adagio den Garaus macht. Wo das Lied presto presto – schnell wird.
...es wird immer so schnell Weihnachten. Im Zug dieser Erkenntnis sitzen wir, sinnieren wir und signieren Weihnachtskarten mit Tannenbäumen, Rentieren, Sternen und Schnee.
...welchen er versprochen hat. Mindestens einen Meter tief...
...tief versunken sitzt sie vor dem Klavier, die Hände ruhend auf den Tasten, jeder Ton mehr wäre ein Statement, ein Allegro, ein Frohlocken, Flocken!
...es fallen Flocken. Sie locken nach draussen, Schnee!
...er lacht, er hats gewusst, gehofft, versprochen und dazu in die Aare gespuckt, einen Meter Schnee, vielleicht zwei, drei, Klavier!, es versinkt fast im Schnee, es fehlen nur wenige Zentimeter.
...noch zweihundert Meter bis zur Haltestelle Weihnachten, schon bildet sich eine Schlange im Wagen zum Aussteigen,
...aussteigen!, Weihnachten!, die Ansage im Zug ist laut, fast vivace, der Zug hält.
...der Schnee fällt.
...und sie hält ihr Spiel immer noch inne, wir halten inne, innert Minuten hüllt sich die Stadt in ein weisses Kleid.
...Leid und Freude liegen auf den Gassen wie der Schnee, lautet die leise Botschaft, doch wir lauschen den Klängen der Zeit, Weihnachtszeit, sind angekommen und setzen dem Baum die Krone auf und uns an den gedeckten Tisch. Essen uns durch die kulinarischen Preludien rauf und runter, mal lento, mal allegretto und fallen hoffentlich so zu Bett, wie der Schnee auf die Stadt
...mit einem Selbstverständnis an Ruhe, Kraft und Weis(s)heit.


reine Formsache

Das war ein Rundumschlag; ...mit all seinen Ecken und Kanten.


Untergänge

Die Sonne geht unter. Das ist der Sonnenuntergang. Sie geht unter. Weil er geht und er über all dem steht. Und schon lange stand. Sie kennt seinen Standpunkt nun. Er setzt einen Punkt. Versetzt sie in ein Koma. Er kommt nicht mehr zurück. Er will nicht. Wo kein Wille ist, ist kein Weg. Weg ist er. Gegangen. Sie schaut nach oben. Die Sterne da oben. Ein Bier noch, Herr Ober. Sie sitzt mit dem Ober im Gang. Es ist zwei Uhr am Morgen. Das ist ihr Untergang.


long story short

Ich malte ein Bild von dir. Es fiel aus dem Rahmen. Das ist die Rahmenhandlung. Und eigentlich auch schon alles.


Samstagnachmittag

Fünfundzwanzig. Meine Tischnummer. Ich habe nicht reserviert, aber ich tue so: ein bisschen reserviert, die Bedienung ist langsam. Ich hätte lieber den Tisch Nummer Vierzehn, zentraler gelegen und ausserdem meine Glückszahl. Aber er ist bereits besetzt.
Die zwei Frauen am Tisch Nummer Sechsundzwanzig sind mindestens Siebzig und trinken Kaffee. Sie teilen sich einen Nussgipfel, nicht auf dem Gipfel (und dennoch ist es irgendwie ein Gipfeltreffen), sondern an der Aare, an dem schönen Fluss.
Alles ist im Fluss, auch Fische. Die gibt es im Lokal gegrillt oder frittiert, irritiert mich das, nein.
Ich trinke ein Rivella rot und fühle mich sportlich, was ich nicht bin, aber ich bin immerhin mit dem Velo da, da endlich, mein Nussgipfel kommt auch.
Die zwei Frauen von Nummer Sechsundzwanzig reden über ihre Kinder und die Kinder ihrer Kinder, sprich Enkelkinder, manchmal Ekelkinder, manchmal nicht.
Es ist gemütlich an der Aare, am Fluss, im Schuss ist niemand und um sechs Uhr ist Schluss, sagt die Frau vom Fischereiverein, Vereinbarungen, amtliche, müssen eingehalten werden.
Die Uhr zeigt siebzehn Uhr und sechsundfünfzig Minuten, ob sie mich wohl rausschmeissen in vier Minuten, jetzt sind es noch drei, dreissig bin ich vor vielen Jahren geworden, denke ich, der Dreifaltigkeit habe ich mich seit Langem entzogen und das schriftlich; ich bin Agnostikerin und reif, greife nach meiner Tasche, stehe auf, das Provozieren überlasse ich der Jugend und gehe freiwillig. Freier als ich sein möchte und williger als es wohl bedarf.


Schreibblockade

Ich habe eine Schreibblockade. 50 Meter weiter in Richtung Westen ist eine Verkehrsblockade seit Wochen. Der Verkehr wird umgeleitet. Mich sollte man aus dem Verkehr ziehen. Der Polizist hält mich an. Ich fahre halt ungern Umleitungen, Herr Polizist, es tut mir Leid: Ich bin Opfer meiner Strukturen. Das nächste Mal wird er mich büssen müssen, er schaut streng. Ich lächle charmant und fahre weiter.
Ich habe eine Schreibblockade. Der Physiotherapeut findet ein paar andere an meinem Rücken. Drücken, drücken bis es knackst, das ist sein Job. Herr Physiotherapeut, in allen Ehren ihr Beruf, aber das war nicht so angenehm. Ein bisschen Aua braucht die Wiederherstellung, der Physiotherapeut nickt versöhnlich und ohne Mitleid. Ein Knacks mehr oder weniger, was solls. Ich lächle gequält und sage bis bald und auf Wiederdrücken.
Ich habe eine Schreibblockade. Im Kanton Zug sagt irgendwo wieder ein Block ade und wird niedergerissen. Ich lese es in der Zeitung, es steht schwarz auf weiss und ich weiss, der Block muss einem Luxusobjekt weichen. Ich lächle nonchalant und bin froh, in Solothurn zu wohnen und blättere weiter.
Ich habe eine Schreibblockade und ich kämpfe dagegen an. Ich schreibe einfach drauflos ohne gross nachzudenken. Schreibblockade hin und Schreibblockade her, das Wort gibt ziemlich viel Stoff zum Schreiben, danke, liebes Wort. Ich lächle stolz und glaube, ich habe das Beste aus der Blockade gemacht.


Oberflächenwahnsinn

Oberflächlich sein. Flach sein. Flachsen. An der Oberfläche schnorcheln. Nicht tauchen. Nicht in die Tiefe gehn. Ohne Tiefe sein. Auch nicht vertieft. Oben bleiben. Obenaufschwimmen. Manchmal muss man. Oberflächlich bleiben. Sonst geht man unter.


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